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Schüßler Salze: ein kleiner Denkanstoß
 
 
Schüßler Salze pro & contra
Eine unendliche Geschichte?
Die Kontroversen zwischen den Vertretern so genannter »Erfahrungsheilweisen mit komplementärmedizinischem Hintergrund« und den Vertretern der modernen Wissenschaft, die es bevorzugen, Aussagen und Behauptungen zu akzeptieren, die auf überprüfbaren, reproduzierbaren Daten beruhen (welche durch Kontrollexperimente und Bestätigungstests abgesichert werden und durch international akzeptierte Kontrollverfahren auf ihre Treffsicherheit überprüft werden), scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Das muss nicht so sein. Eine Annäherung ist möglich, wenn zugelassen wird, dass »hard facts« an Stelle von Behauptungen treten, die nicht objektiver werden, nur weil sie vor unserer modernen Wissenschaft in die Welt gesetzt worden sind.

Lesen Sie hier einen Artikel aus der Österreichischen Apothekerzeitung
64. Jg. I 25. Oktober 2010 I
ÖAZ 22

von
UNIV.-PROF. DR. FRITZ PITTNER

Müsste Schüßler heute als Student antreten, um sein Wissen in Biochemie, Pathobiochemie bzw. Pathologie und Pathophysiologie unter Beweis zu stellen, er würde überall durchfallen, weil die Realität anders ist, als er sie zu seiner Zeit in der Lage war zu erkennen. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Er hat im 19. Jahrhundert gelebt und gewirkt, und damals war sowohl das medizinische Wissen als auch das tiefere Wissen (auf molekularer Ebene) über den Stoffwechsel auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als heute.

Biochemie im heutigen, wissenschaftlichen Sinn des Wortes gab es überhaupt noch nicht. Auch die Methoden der Beweisführung, um Postulate oder erhoffte Heilerfolge zu verifizieren, waren weit entfernt davon, als stets eindeutig und wissenschaftlich fundiert zu gelten. Ausgewählte Fallstudien haben hier meist genügt, um zu »beweisen«, dass Dinge so sind, wie man glaubte (oder wollte), dass sie sind. So manche »Theorie« von damals verdient aus heutiger Sicht nicht einmal mehr als Hypothese zu gelten, weil zu viele berechtigte Gegenargumente einfach nicht berücksichtigt wurden und immer noch nicht werden. Das gilt leider auch in weiten Bereichen für die Lehre Dr. Schüßlers, wenn sie sich dem heutigen Wissensstand, der modernen Methodik und der Forderung nach wissenschaftlich Beweisbarem zu stellen hat.

Nicht wissenschaftlich beweisbar?!
Die Proponenten dieser alten Lehren, die zu einer gewissen, lang zurückliegenden Zeit als praktikabel empfundene Denkmodelle gerne mit gesicherten Tatsachen verwechseln wollen, treten ihren Kritikern entgegen, indem sie hartnäckig behaupten, dass bei der von ihnen praktizierten Erfahrungsheilweise wissenschaftliche Beweisbarkeit ein Absurdum sei. Das ist eine apodiktische Behauptung, die ich endlich einmal gerne begründet sehen möchte und zwar mit echten Argumenten.

Auch wenn behauptet wird, jeder Patient benötige seine individuelle Behandlung – was ich gar nicht in Frage stellen will –, so muss es möglich sein fest zu stellen, wie groß die Trefferquote bei den tatsächlichen Heilungen war und ebenso, wie oft es danebengegangen ist. Darüber hinaus muss auch abgesichert werden, dass die Heilung wirklich durch die verabreichten Heilmittel herbeigeführt worden ist und nicht durch andere externe bzw. synergistische Effekte. Wir wissen ja, wie viele Krankheiten z.B. psychosomatische Wurzeln haben.

Objektivität und Kontrolle
Heilung muss natürlich auch bedeuten: nicht nur temporäre Beseitigung eines Symptoms, sondern ganzheitliche Normalisierung des Gesundheitszustandes ohne Nebenwirkungen und Spätschäden durch die verabreichten Therapeutika (was auch bei manchen Arzneimitteln nicht immer der Fall ist. Anm. d. Red.). Unsachgemäßes Hantieren mit mineralischen Verbindungen kann hier so manchen Schaden anrichten, aber davon später. Um das alles zu verifizieren, reichen so genannte »Erfahrungsberichte« natürlich nicht. Hier muss einfach mehr Objektivität und auch externe Kontrolle sein. Wenn keine objektivierbaren Daten vorliegen, egal ob man sie nicht hat oder behauptet, systeminherent nicht haben zu können, darf man den Patienten/Kunden darüber nicht im Unklaren lassen, dass es sich bei dieser Methode um wissenschaftlich ungesicherte Materie handelt.

Offen gegenüber den Kunden
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle bei der Erlangung unserer akademischen Würden einen Eid geleistet haben, der uns unter anderem verpflichtet, unser Wissen und Können unseren Wissenschaften, die wir studiert haben, entsprechend einzusetzen und anzuwenden, im Dienste der Menschen, die unser Wissen und Können in Anspruch nehmen. Das heißt aber auch, dass die von Fachakademikern geführten Apotheken dieser Wissenschaftlichkeit verpflichtet sind. Nur wissenschaftlich Abgesichertes sollte hier Platz finden.

Wenn man schon glaubt – aus welchem Grund auch immer – auch etwas anderes anbieten zu müssen, dann ist man es dem Patienten schuldig zu sagen, dass er in diesem Fall mit derzeit wissenschaftlich noch nicht ausreichend gesicherter Materie konfrontiert wird. Das zu erfüllen hat nichts mit der persönlichen Einstellung und den Neigungen einer beratenden Person pro oder contra Schüßler Salze zu tun, sondern mit unserer Verpflichtung zur wissenschaftlichen Korrektheit, die wir bei Sponsion und Promotion versprochen haben. Paracelsus lag sicher richtig mit seinem Spruch: „Wer heilt hat Recht“. Aber das gilt nur, wenn er wirklich heilt – und das muss heutzutage wissenschaftlich abgeklärt sein. Wir sind nicht mehr auf den Märkten des Mittelalters, wo es noch genügte, Wundermittel marktschreierisch anzupreisen (und sich oft genug anschließend rasch aus dem Staub zu machen).

Als einschlägiger Wissenschafter, Forscher und Lehrer möchte ich an dieser Stelle daher auch meinen Unmut über so manche, etwas leichtfertig erteilte Zulassung betonen.

Antlitzanalyse ja, aber ...
Nun noch einige kurze Bemerkungen zu den verwendeten Methoden, vor allem der Antlitzanalyse. So mancher Kritiker der Schüßler’schen Behandlungsmethoden hat sie als Hokuspokus bezeichnet. Das ist wahrscheinlich etwas zu hart gegriffen. Aus der Art der Faltenbildung, der Hautfärbung und anderen Gesichtsmerkmalen lassen sich tatsächlich diverse diagnostische Hinweise auf Erkrankungen und Stoffwechselimbalancen ableiten. Aber ich wage gleichzeitig daran zu erinnern, dass wir im dritten Jahrtausend leben und zahlreiche hochauflösende, hochsensitive und hochspezifische analytische Werkzeuge und Techniken kennen, die den Elektrolythaushalt eines Patienten und seine Ionenverteilung im Körper genauestens analysieren können. Sowohl Mangel als auch gefährliche Anreicherungen von anorganischen Komponenten im Körper können so festgestellt und mit anderen diagnostischen Laborparametern korreliert werden. Es wäre ein kleiner Beitrag zur Wissenschaftlichkeit, wenn
sich die Antlitzanalytiker dazu herablassen könnten, wenigstens mit einer gewissen Regelmäßigkeit die eine oder andere dieser modernen Techniken als Bestätigungstest zuzulassen. Das wäre auch höchste Zeit, denn in der einschlägigen Literatur zu den Schüßler Salzen werden zum Teil Wirkungen beschrieben, über die man sich als Biochemiker und Pathobiochemiker nur wundern kann. Leider ist der Platz in diesem Artikel zu klein, um darauf im Detail einzugehen, einige Bemerkungen dazu möchte ich aber trotzdem auch hier noch dazu machen.

Aktuelles Wissen mit einbeziehen!
Welche anorganischen Substanzen in welcher Konzentration ein Mensch benötigt und wie sich Imbalancen in deren Konzentration sowie Mangel, Überschuss und Synergismen auf gesunde und kranke Menschen auswirken, ist sicher noch lange nicht ausgeforscht. Wir besitzen dazu aber bereits ein solch umfangreiches Wissen, dass interessierte Leser nicht mehr nur auf die Originalliteratur angewiesen sind, sondern sich bereits seit langem zahlreiche Lehrbücher zunutze machen können, um sich hier einschlägig zu informieren. Auch wie man damit im Hinblick auf Therapien umzugehen hat, ist aus der Literatur zu erfahren. Dem gegenüber präsentiert sich das Behandlungsverfahren nach Schüßler als eher starres Gebilde, das darüber hinaus auch noch mehr als wankelmütig mit den Salzkonzentrationen umgeht. Einerseits wird immer wieder betont, dass es sich bei dieser Methode um eine von der Homöopathie abgeleitete Technik handelt, in der die Wirkungen durch große Verdünnungen erreicht werden, andererseits liest man auch darüber, dass es nach dem Verschwinden der Symptome um das Auffüllen körpereigener Speicher geht. Also hier ein Quäntchen Homöopathie, anschließend oft im gleichen Atemzug ein wenig Allopathisches und dazwischen apodiktische Statements zum Stoffwechsel, bei denen sich der Fachmann fragen muss, woher diese stammen, dass sie sich getrauen, solche, teilweise haarsträubenden Statements unwissenschaftlichster Natur abzugeben. Offenbar geht das, weil man sich – bei Ermangelung wissenschaftlicher Daten zu den Postulaten – zur Not noch auf den großen Guru des Systems berufen kann. Als Lehrer, der Jahrzehnte lang auf der Universität Studierende in Biochemie, Pharmazeutischer Biochemie und Pathobiochemie ausgebildet hat, ist es schmerzlich, erleben zu müssen, dass manchmal dermaßen unwissenschaftlich vorgegangen wird und oft das Wissen über den derzeitigen »state of the art« ignoriert zu werden scheint, dass man sich genötigt fühlt, auf solche Atavismen zurück zu greifen.

Verantwortung
Es ist offenbar ein Zeichen unserer Zeit, dass das Wissen dermaßen explodiert, dass kaum jemand noch in der Lage ist polyhistorisches, interdisziplinäres Wissen zu erlangen. Aber das darf uns nicht dazu verleiten, zu einem vorwissenschaftlichen Umgang mit Krankheiten zurück zu kehren. Die Apotheken als letztes Bindeglied zwischen Arzt und Patienten tragen hier eine große Verantwortung.

Selbstverständlich ist vieles, was bereits sehr altes Wissen ist, immer noch gültig. Aber es muss im Licht der modernen Wissenschaft bestehen können.

Zum Schluss meiner Betrachtungen möchte ich noch an einige Wirkungen anorganischer Komponenten im Körper erinnern, die zeigen sollen, dass der Umgang mit diesen Stoffen nicht so trivial ist, wie sich das Dr. Schüßler vor etwa 130 Jahren vorgestellt hat:
    • Anorganische Ionen können als Hauptmengen, Nebenmengen und Spuren vorkommen. Der Körper benötigt unterschiedliche Konzentrationen von den diversen Stoffen.
    • Manche Ionen können einander verdrängen oder substituieren. Das kann gut oder schlecht für das Wohlbefinden sein. Es hängt von der jeweiligen Substanz ab.
    • Manche, oft in größerer Konzentration giftige Substanzen können gespeichert und in Krisensituationen massiv freigesetzt werden, was zu Giftschocks führen kann.
    • Die Resorptionsrate aufgenommener Ionen ist ebenfalls von Stoff zu Stoff unterschiedlich und kann überdies auch noch durch synergistisch wirkende Substanzen gestört werden.
    • Ähnliches gilt für die Ausscheidung durch Niere, Stuhl und Haut.
    • Viele innere Organe, vor allem Leber, Milz, Niere und Herz können durch schädliche Ionen stark beeinflusst werden.
Die wenigen Beispiele zeigen bereits, wie wichtig es ist, genau zu wissen, wie der Elektrolythaushalt des jeweiligen Patienten aussieht, bevor man zusätzliche Salze – und sei es nur in (pseudo?) homöopathischen Dosen – einsetzt. Ob da die Antlitzanalyse ausreichen wird, das alles abzuklären?

Noch ein kleiner Denkanstoß ...
Dass man mit Arsenik Leute umbringen kann, ist seit der Römerzeit bekannt. Unsere Sennerinnen auf den Almen haben vor einigen hundert Jahren allerdings bemerkt, dass der Hittrach (synonym zu Arsenik), der sich in ihren Rauchküchen abgeschieden hat, in sehr starken Verdünnungen eingenommen, alte Klepper in rassige Pferde und müde Männer in feurige Liebhaber verwandeln konnte. Waren diese Männer nun von ihrer Schwäche geheilt? Keineswegs, denn wenn das Wundermittel ausgesetzt wurde, verfielen sie gänzlich. Ob Dr. Schüßler diese Story gekannt hat? Es sieht nicht so aus…

Ein abschließender Denkanstoß zum verwendeten Milchzucker. Obwohl Stärke ein essenzieller Nahrungsbestandteil ist, der täglich von uns in nicht unbeträchtlichen Mengen aufgenommen wird, ist sie in den Schüßler-Kreisen offenbar verpönt. Milchzucker nicht, obwohl er von erwachsenen Menschen nur dann ausreichend abbaubar ist, wenn die Galactosidase, die den Milchzucker im Darm in Glucose und Galactose spaltet, in ausreichender Menge vorhanden ist. Die Galactosidase ist nämlich ein adaptives Enzym und kommt in Erwachsenen, die kaum Milchprodukte zu sich nehmen, nur in sehr geringer Konzentration vor. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn solche Leute plötzlich Milchzucker aufnehmen! Milchzuckerunverträglichkeiten sind im
Steigen!

Ich hoffe, dass die geneigte Leserschaft nun nicht den Eindruck bekommen hat, ich möchte gegen Alternativmedizin polemisieren. Das liegt mir fern, aber ich wollte aufzeigen und dafür sensibilisieren, dass wir im modernen Sinn kritisch bleiben müssen. Die Apotheke sollte immer der Wissenschaftlichkeit verbunden bleiben. Ich möchte nicht – auch nicht als mündiger Kunde – etwas angeboten bekommen, über dessen Wirkung nicht echtes wissenschaftlich gesichertes Wissen vorhanden ist.

Autor: Univ. Prof. Dr. Fritz Pittner
Universität Wien, Department für Biochemie und Zellbiologie
Max F. Perutz Laboratories
E- Mail: fritz.pittner@univie.ac.at
Schwerpunkte in Forschung und Lehre:
Biochemie, Pharmazeutische Biochemie, Stoffwechsel, Pathobiochemie, Klinische Chemie, Bioanalytik, Biosensorik.

Sagen Sie uns Ihre Meinung ! In ÖAZ 21 und 22 fanden Sie, geschätzte Leser, nun zwei kontroversielle Beiträge zum Thema Schüßler Salze. Wie behandeln Sie an der Tara diese Thematik? Schreiben Sie uns doch! E-Mail: redaktion@apoverlag.at

Quelle:
www.apoverlag.at 64. Jg. I 25. Oktober 2010 I ÖAZ 22

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