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Apotheker und Sodawasserfabrikant
 
Vom kohlensauren Gaswasser zum Sodasiphon
 
„Die Wiener“ schreibt Karl Baedeker in seiner Reisebeschreibung 1896 „trinken ihren Wein im Allgemeinen mit Sodawasser (Siphon) gemischt.“ Sodawasser wurde damals in vielen kleinen Getränkeerzeugungen, die man fast in jedem Ort vorfand, hergestellt. Die Entwicklung dieser Abfüllanlagen ging von Apotheken aus und einige Apotheker können in diesem Zusammenhang als Pioniere der Sodawasserproduktion genannt werden.

Apotheker Rudolf Schiffner (1818 – 1900)


Bereits vor 1860 stellte Schiffner in seiner
Apotheke kohlensaures Gaswasser her
und füllte es in Siphonflaschen ab.


Oben: FELDKIRCHER ZEITUNG 1887:
Sodawasser und Kracherln aus der Apotheke.

Im selben Jahr entwickelte ein amerikanischer
Apotheker Coca-Cola..

Um ganz vorne zu beginnen: Die Konservierung von Trinkwasser war Ende des 18. Jahrhunderts ein bedeutendes Thema. 1781 entwickelte Thomas Henry (1734 – 1816), Apotheker aus Manchester, eine Methode, um Wasser auf Seereisen vor der Fäulnis zu schützen. Dabei sollte das Wasser mit fixed air (Kohlenstoffdioxid) angereichert werden. Er produzierte bereits in den späten 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts Sodawasser und auch künstliche Mineralwässer „for the use of the sick, on Board ships, and in hospitals“. Damit ist Henry einer der ersten Hersteller von Mineral- und Sodawasser – neben dem Deutschen Johann Jacob Schweppe, der zusammen mit dem Apotheker Henri-Albert Gosse 1790 in Genf und bald darauf auch in London eine Sodawasserproduktion („Schweppes“) gründete.

Als mit dem Hofdekret vom 23. Jänner 1783 der freie Verkauf von Gesundheitswässern in Österreich jedem gestattet wurde, stieg der Verbrauch an Mineralwässern rasant an. Im Jahr 1775 wurden 60.000 Krüge aus den Quellen im mittelhessischen Niederselters abgefüllt und verschickt, 1840 waren es bereits eine Million Krüge Selterswasser und 1870 waren in Selters Apparaturen vorhanden, um täglich 20.000 Krüge und Flaschen füllen zu können. Säuerlinge waren als Tafelwässer sehr beliebt und wurden auch zum Spritzen von Wein und Fruchtsäften verwendet.

All das führte dazu, dass sich nun auch Apotheker in Deutschland und Österreich vermehrt mit der Produktion von künstlichem Selterswasser beschäftigten. Da ist einmal Apotheker Friedrich Adolph August Struve zu nennen, der 1818 in Dresden eine Anlage zur Bereitung künstlicher Mineralwässer gründete (bis 1969 in Betrieb). Sein 1824 erschienenes Werk „Über die Nachbildung natürlicher Heilquellen“ war grundlegend für diesen Wissenszweig. Und in Wien war es Apotheker Dr. Anton Fierlinger, der 1799 seine Arbeit „Bequeme Art, kohlensaure mineralische Wasser nachzumachen“ veröffentlichte und 1817 bereits 20 Apotheken mit dem von ihm produzierten Sodawasser zum Preis von 40 kr pro Flasche (inkl 6 kr Pfand) belieferte.

Durch die theoretischen Arbeiten von Struve und Fierlinger über die wissenschaftlichen und praktischen Grundlagen unterrichtet und durch zahlreiche Apparaturen, die zu diesem Zweck konstruiert worden waren, unterstützt, war bald jeder Apotheker in der Lage, innerhalb seines Betriebes künstliche Mineralwässer selbst herzustellen. Besonders der 1830 von Josef August Hecht erfundene Apparat, der ein Abfüllen von Wässern in reiner Kohlensäureatmosphäre erlaubte, bewährte sich sehr.

Während Fierlinger natürliche Gärungskohlensäure zur Erzeugung von Sauerwässern verwendete, kam allmählich der Gebrauch von technisch gewonnenem Kohlenstoffdioxid auf, wodurch die Produktion wesentlich vereinfacht wurde.

Apotheker, Gemeinderat, Bibliothekar, Sodawasserfabrikant…

Apotheker Rudolf Schiffner (1818 – 1900), Besitzer der Apotheke „Zum guten Hirten“ in Wien 2, war Mitglied des Gremialausschusses, Gemeinderat, Leiter der Gremialbibliothek, Begründer des Chemisch-pharmazeutischen Laboratoriums der Apotheker und ab 1861 Direktor und von 1870 – 1892 Oberdirektor des Allgemeinen österreichischen Apothekervereins.
Bereits vor 1860 stellte er in seiner Apotheke kohlensaures Gaswasser her und füllte es in Siphonflaschen ab. 1862, bald nachdem Emanuel Biach in Theresienfeld als Erster in Österreich eine „Fabrik moussirender Getränke“ errichtet hatte, gründete Schiffner in der Ferdinandstraße 29 die „Erste Wiener Hochquellen-Sodawasserfabrik“.

Als um 1890 herum die Industrie in der Lage war, billige, flüssige Kohlensäure in Stahlflaschen zu liefern, nahm die Sodawassererzeugung rapid zu. Darauf anspielend war im „Neuen Wiener Journal“ 1896 zu lesen: „Herr Rudolf Schiffner war der Erste, welcher in Wien das seither zu einem fast unentbehrlichen Getränke gewordene Sodawasser erzeugte und in den Handel brachte…. Schiffner, ein vorzüglicher Chemiker, mit außerordentlichem Scharfblicke und großer kaufmännischer Begabung, erkannte bald, dass ein derartiger Genussartikel in Wien bald zum allgemeinen Bedürfnisse werden müsse und sehr bedeutende finanzielle Erfolge demjenigen verspreche, der das Sodawasser nach englischem Muster in Wien selbst erzeugt. Von dieser Voraussetzung ausgehend, begründete er noch im Jahre 1862 die „Erste Wiener Sodawasserfabrik", und die Erfolge, die er dabei erzielte, blieben in der That hinter den Erwartungen nicht zurück. Seither sind in Wien zahllose derartige Etablissements gegründet und wieder aufgelassen worden. Unter den noch bestehenden nimmt die von Schiffner gegründete, wenn sie auch längst nicht mehr die größte ist, eine hervorragende Stelle ein.“

Übrigens: viele Apotheker stellten damals mit Hilfe der sogenannten "soda-machine" in ihren Apotheken auch Erfrischungsgetränke her. Etwa John Stith Pemberton und Caleb Bradham, deren 1887 bzw. 1893 erfundene Limonaden heute weltbekannt sind. Erraten, es handelt sich um Coca-Cola und um Pepsi-Cola. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…..

Österreichische Apotheker-Zeitung 18/2016 Seite 50: Historische Schmankerln
"Apotheker und Sodawasserfabrikant"
ÖAZ-Schmankerln-06.pdfÖAZ-Schmankerln-06.pdf