Pharmaziegeschichte: Das Markgrafen-Pulver
 
 
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    Markgrafenpulver, Pulvis Marchionis, Pulvis Epilepticus Marchionis: tauchte in der Mitte des 17. Jahrhunderts erstmals in Arzneibüchern auf, im »Dispensatorium pharmaceuticum Austriaco-Viennense«, im Wiener Arzneibuch von 1729 scheint es mit folgender (heute obskur anmutenden) Zusammensetzung auf:

    Pfingstrosenwurzeln, die bei abnehmendem Mond ausgegraben wurden, zwei Librum [=ca. 840 Gramm]; Eichenmistel; geschabtes Elfenbein; Hirschhornspitzen; Pulver aus Flussmuscheln; je 1/2 Librum [= je 210 Gramm]; weiße Korallen ein Librum [= 420 Gramm]; pulverisieren, mischen, dann dazu geben Goldblättchen 200.

    Die Goldblättchen waren zum Einnehmen bestimmt: Jede Einzelportion wurde auf ein Goldblättchen gegeben, dieses gefaltet und dann geschluckt.
Die Pulvermischung wurde in den Apotheken hergestellt, die Ärzte verschrieben sie gegen Epilepsie, Katarrh und Entzündungen. Gemäß der "Neuen Apotheker Taxordnung" von 1744 kostete die oben beschriebene Rezeptur 12 Kreuzer.
Markgrafenpulver - ein Allheilmittel?
Wie wir wissen, befand sich Markgrafenpulver auch in der umfangreichen Haus- und Reiseapotheke der Familie Mozart (vgl. Medizin zu Mozarts Zeiten). Auf der ersten Wienreise, die Leopold Mozart mit beiden Kindern im Herbst 1762 unternimmt, erkrankt der sechsjährige Wolfgang an Scharlach. Der selbst ernannte Hausarzt Leopold, der sich sehr für Pharmazie und Medizin interessierte, verabreicht seinem Sohn „Markgrafen-Pulver“ und setzt ihn auf Diät. Nachzulesen in einem Brief Leopold Mozarts an seinen Freund Johann Lorenz Hagenauer, Handelsherr, Spezereiwarenhändler und in damaliger Zeit Besitzer des „Mozart-Hauses“ in der Getreidegasse.

Am 21. Oktober 1762 um 19 Uhr waren die Mozarts wieder bei Maria Theresia in Schönbrunn. "Unser Woferl", so Leopold in seinem Brief vom 30. Oktober, "war aber schon nicht recht wie sonst, und ehe wir dahin fuhren, wie auch, da er zu Bette gieng, klagte er s. v. den Hintern und die Füsse. Als er im Bette war, untersuchte ich die orte, wo er die Schmerzen zu füllen vorgab; und ich fand etliche Flecken in der Grösse eines Kreutzers, die sehr roth und etwas erhoben waren, auch bey dem Berühren ihm Schmerzen verursachten. Es waren aber nur an beiden Schinbeinen, an beiden Ellenbogen, und ein paar am Podex; auch sehr wenig. Er hatte Hitzen und wir gaben ihm Schwarz Pulver und Margrafen Pulver. Er schlief etwas unruhig. Den folgenden Freytag wiederholten wir die Pulver in der Frühe und Abends, und wir fanden, dass sich die Flecken mehr ausgebreitet hatten; sie waren obwohl grösser; doch nicht mehrer. Wir musten zu allen Herrschaften schicken, wohin wir schon auf 8 Täge hinausbestellt waren, und Tag für Tag absagen lassen. Wir fuhren fort das Markgrafen Pulver zu geben, und am Sonntag kam er in einen Schweiß, den wir uns gewunschen, dann bishero waren die Hitzen mehr Trucken." Zu essen bekam der kleine Amadeus »... Nichts als Suppen oder Binadl« (Binadl, auch Panadl, kommt von »panade«, dem französischen Wort für Brotsuppe).

Am 5. November konnte der Bub wieder konzertieren…

Vor Experimenten mit dem längst obsoleten Pulver sei gewarnt: Zumindest einer der Bestandteile, die Pfingstrosenwurzel (Radix Paeoniae) kann schwere Nebenwirkungen in Form von Übelkeit, Erbrechen und Koliken verursachen.

Literatur:
NOWOTNY, Prof.Dr.Otto: "Vom Markgrafen- und Schwarzem Pulver" ÖAZ 60 (2006), S. 132-135
KÜNZLER, Uwe: Die Arzneimittel der Familie Mozart, in: Geschichte der Pharmazie. DAZ Beilage 50 (1998), H. 1, Stuttgart, April 1998, S. 12-19
MARTIN Franz, Das "Nannerl Mozart im Galakleid", in: Mozart-Jahrbuch 1950, Salzburg (1951), S. 49-61.