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Arzneipflanze des Jahres 2015: Johanniskraut
 
Das pflanzliche Antidepressivum
 
Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg hat das Johanniskraut zur Arzneipflanze des Jahres 2015 gewählt. Schon in der Antike wurden verschiedene Johanniskrautarten in der Heilkunde verwendet, im „Lorscher Arzneibuch“ (entstanden um 795) wird das Kraut erstmals zur Behandlung von „Melancholie“ empfohlen. Der Name Johanniskraut ist darauf zurückzuführen, dass die Pflanze um den St. Johannistag (24. Juni) herum zu blühen beginnt.

Foto: F. Biba
Zur Therapie leichter bis mittelschwerer Depressionen ist Johanniskrautextrakt eine mögliche Alternative. Wenngleich der Wirkmechanismus noch nicht genau bekannt ist, dürfte Johanniskraut ähnlich wie die synthetischen Antidepressiva (sogenannte SSRI) eine Noradrenalin- und Serotonin- Rückaufnahmehemmung bewirken.

Voraussetzung für eine vernünftige Therapie mit Johanniskraut ist, dass nur geprüfte und registrierte Arzneimittel aus der Apotheke eingesetzt werden. Von den Nebenwirkungen ist besonders die Photosensibilität zu erwähnen, das heißt, dass die Haut empfindlicher für Sonnenstrahlung (UV-Strahlen) wird. Zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, vor allem mit Antikoagulantien, anderen Antidepressiva, oralen Kontrazeptiva („Pille“) und Theophyllin sind zu beachten.

Foto links:
Hypericum perforatum L. (Johanniskraut) wächst bevorzugt an Wegrändern und wird 25 bis 90 cm hoch. Werden die Blätter gegen das Licht gehalten, so erkennt man kleine Punkte, die den Anschein erwecken, die Pflanze sei perforiert. Die gelben Blüten verfärben sich blutrot, wenn man diese zwischen den Fingern zerreibt.

Johanniskraut pharmazeutisch betrachtet

Lateinische Bezeichnung: Hypericum perforatum L.

Deutsche Bezeichnung: Echtes Johanniskraut

Volksnamen: Antoniuskraut, Blutkraut, Brustkraut, Donnerkraut, Eisenhart, Feldhopfenkraut, Feuerkraut, Fieberkraut, Frauenkraut, Gottesblut, Hanskraut, Hanskräutel, Hasenkraut, Herrgotsblume, Herrgotsträne, Herrgottsblut, Herrgottskraut, Hexenkraut, Jesuwunderkraut, Johannesbettstroh, Johannisblut, Johannishartheu, Johannisschweiß, Kälberkraut, Kleine Johannisblume, Kranzkraut, Leibwehblume, Liebeskraut, Löcherkraut, Marienkraut, Mariens Bettstroh, Muttergotteskraut, Siebenundsiebziglöcherkraut, Sonnenwendkraut, Tausendloch, Tausendlöcherkraut, Teufelsfluch, Teufelsflucht, Teufelskraut, Tüpfelhartheu, Unseres Herrn Wundkraut, Waldhopfenkraut, Walpurgiskraut, Wundstroh und Wurmgras.

Englisch: St. John's-wort (Hardhay, Goatweed, Klamathweed)

Stammpflanze: Hypericum perforatum L. (Fam. Hypericaceae / Johanniskrautgewächse)

Verwendeter Pflanzenteil: Blühende oberirdische Teile (Hyperici herba)

Offizinell: Hyperici herba: mind. 0,08% Gesamthypericine

Inhaltsstoffe
Flavon- und Flavonolderivate: 2-4 % im Kraut, hauptsächlich Quercetinglykoside mit Hyperosid, Quercitrin, Rutosid und Isoquercitrin; in den Blüten Biflavone
Naphthodianthrone: Rote Farbstoffe, ca. 0,1 %, hauptsächlich Hypericin und Pseudohypericin
Phloroglucine: hauptsächlich Hyperforin (2-4 %, höchster Gehalt mit 4,5 % in reifen Früchten)
weitere Inhaltsstoffe: Xanthone, Procyanidine und Gerbstoffe, ätherisches Öl (0,1-1 %) und Spuren von Alkaloiden.

Anwendungsgebiete

Innere Anwendung: Mild antidepressiv bei psychovegetativen Störungen, depressiven Verstimmungszuständen, Angst und/oder nervöser Unruhe. Ebenfalls sinnvoll ist der Einsatz bei Winterdepressionen, Schlafstörungen wegen leichter Depressionen und bei entsprechenden Symptomen in den Wechseljahren.
Wirkung: Hypericumextrakte hemmen in therapeutischen Konzentrationen die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin, Serotonin, Dopamin, GABA und L-Glutamat. Das Überangebot an Transmittersubstanzen versucht der Organismus durch eine Verringerung der Rezeptordichte und Änderung der Funktionalität der Rezeptoren in ähnlicher Weise auszugleichen, wie dies klassische trizyklische Antidepressiva bewirken.

Volksmedizinische Anwendung: Gallenblasenerkrankungen, Gastritis, Durchfall, Rheuma, Gicht sowie gegen Würmer verwendet. Nachweise für die Wirksamkeit bei diesen Erkrankungen sind nicht vorhanden.

Weitere Wirkungen: Antibakterielle Wirkung; antivirale Wirkung (Viruzide sowie replikationshemmende Eigenschaften gegen Retroviren, insbesondere gegen HIV-Viren, Zytomegalieviren, HSV-Viren und Influenza-Viren wurden nachgewiesen. Die für diese Wirkungen notwendigen Konzentrationen werden allerdings mit den üblichen therapeutischen Dosen nicht erreicht.

Unerwünschte Wirkungen
Photosensibilisierung (die Haut wird lichtempfindlicher) wurde nach nahrungsbedingter Aufnahme von frischem oder getrocknetem Johanniskraut bei Weidetieren beobachtet. Die Sensibilisierung geht eindeutig auf die im Johanniskraut enthaltenen Hypericine zurück, die nach Anregung durch Licht zur Bildung von Peroxid-Radikalen beitragen. Höhensonne oder Solarium sowie exzessive Sonnenexposition sollten während einer Therapie mit Johanniskrautpräparaten besonders von hellhäutigen Personen vermieden werden.

Gegenanzeigen
Johanniskraut darf nicht zur Behandlung schwerer depressiver Episoden verwendet werden. Eine Anwendung sollte ferner nicht erfolgen bei gleichzeitiger Behandlung mit Antikoagulantien vom Cumarintyp sowie HIV-Protease Inhibitoren und Immunsuppressiva (siehe unter „Wechselwirkungen“).

Wechselwirkungen
Alle Interaktionen dürften auf einer Induktion des Cytochrom-P450-Systems beruhen. Durch Johanniskraut wird das wichtigste arzneimittelabbauende Enzym (CYP 3A4) in seiner Wirkung verstärkt, was zu einem erhöhten Abbau anderer Arzneistoffe im Körper führt. So kann es bei der Kombination von Johanniskraut mit mehreren anderen Arzneimitteln einige Zeit nach Therapiebeginn zu starken Wirkungsverlusten kommen, nach dem Absetzen des Johanniskrauts dagegen zu einem therapeutisch gefährlichen Anstieg der anderen Arzneimittel. Daher sollten Johanniskraut-Präparate nicht gleichzeitig mit Antikoagulantien vom Cumarintyp sowie HIV-Protease Inhibitoren und Immunsuppressiva angewendet werden. Möglicherweise könnten auch andere Substanzen in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigt werden (z. B. orale Kontrazeptiva, herzwirksame Glykoside, Theophyllin u. a.).

Teebereitung
1 bis 2 g getrocknetes und zerkleinertes Kraut mit 150 ml kochendem Wasser übergießen und nach 5 bis 10 Minuten durch ein Teesieb zu geben. Jeweils eine Tasse am Morgen und am Abend trinken. Der Tee kann nach Geschmack gesüßt werden. Ohne Unterbrechung nicht länger als 6 Wochen einnehmen.

Phytopharmaka
In der Apotheke erhältliche Johanniskraut-Präparate enthalten Trockenextrakte aus Johanniskraut in einer Dosierung, für die eine antidepressive Wirkung belegt ist. Sie werden unter standardisierten Bedingungen hergestellt und unterliegen einer strikten Qualitätskontrolle, wodurch eine gleich bleibende Qualität und Wirksamkeit gewährleistet wird.

Äußere Anwendung: Die äußerliche Anwendung erfolgt insbesondere in Form des so genannten "Rotöls" zur Behandlung und Nachbehandlung von scharfen und stumpfen Verletzungen, Myalgien und Verbrennungen ersten Grades. Zur Herstellung werden die Blüten und oberen Blättchen im Verhältnis 1 : 10 mit Olivenöl, Sonnenblumenöl oder Weizenkeimöl angesetzt und mehrere Wochen, bis das Öl eine kräftig rote Farbe angenommen hat, mazeriert.

Homöopathie
Die Homöopathen kennen Hypericum als wirksames Mittel bei Verletzungen an nervenreichen Körperteilen, bei Wirbelsäulen- und Kopfverletzungen und auch bei Phantomschmerzen sowie Verstimmungszustände, Gehirngefäßverkalkung und Asthma.

Zur Wahl der Arzneipflanze des Jahres: Die „Arzneipflanze des Jahres“ ist nicht mit der „Heilpflanze des Jahres“ zu verwechseln. Als solche wurde für das Jahr 2015 die Küchenzwiebel gewählt.

Link:
Wer wählt die Arzneipflanze bzw. Heilpflanze des Jahres


Beitrag unserer TV-Apothekerin

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Thema: Johanniskraut
In der kalten und nebeligen Jahreszeit trübt sich bei vielen Menschen auch die Stimmung ein. Der so genannte Winterblues dauert fünf bis sechs Monate und die typischen Anzeichen sind eine belastende Energielosigkeit und Traurigkeit. Hier kann Johanniskraut therapeutisch eingesetzt werden, das hilft die Stimmung zu heben und so gegen die Herbst- oder Winterdepression wirkt. Nicht umsonst wurde Johanniskraut von der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2015 gewählt.

Interview mit Apothekerin Mag.pharm. Irina Schwabegger-Wager.