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Kann man auf Schokolade süchtig werden?
 
Von der Schokolade zum Heroin
 
        Beim Essen und Trinken belohnen sich Frauen am liebsten mit Schokolade, Männer hingegen ziehen eindeutig ein Bier vor. Das ergab eine Umfrage, veröffentlicht im Magazin GEO-WISSEN 9/2001. Dass Alkohol zu einer Abhängigkeit und Sucht führen kann, ist hinlänglich bekannt. Etwa 400.000 bis 500.000 Österreicher sind alkoholgefährdet und ca. 300.000 bis 350.000 sind als alkoholabhängig einzustufen. Wie verhält es sich aber mit der "Schokolade-Sucht"?

        Ein Team amerikanischer und kanadischer Wissenschaftler hat nun die Gehirnregionen identifiziert, die vermutlich für ein bestimmtes Suchtverhalten und auch für Essstörungen verantwortlich sind. Mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) wurde die Durchblutung des Gehirns von Teilnehmern während des Essens von Schokolade gemessen. Dabei stellte sich heraus, dass das individuelle Vergnügen beim Schokoladeverzehr in direktem Zusammenhang mit einer verstärkten Durchblutung bestimmter Gehirnregionen steht. Die gleichen Regionen, nämlich der frontale Kortex und das Mittelhirn, werden auch von Suchtstoffen wie Kokain aktiviert, berichtete das Fachmagazin Brain (Dana M. Small "Changes in brain activity related to eating chocolate" Vol. 124, No. 9, 1720-1733, September 2001) . Interessant in diesem Zusammenhang: Wurde die Schokolade als Belohnung empfunden, fand die Aktivierung in ganz speziellen Gehirnregionen statt. Diese Regionen, die mit der Belohnung in Zusammenhang stehen, dürften auch bei der Sucht eine entscheidende Rolle spielen. Nach diesem Bericht handelt es sich hier um die erste Studie, die eine Änderung der Gehirnaktivitäten als Reaktion auf wechselnde Gefühle bei der Einnahme eines sogenannten primären Verstärkers untersucht.

        Unter einem Verstärker versteht man jeden dem Verhalten folgenden Stimulus, der die Verhaltenshäufigkeit steigert. Primäre Verstärker hängen mit biologischen Bedürfnissen zusammen (z.B. Nahrung). Schokolade hat mit dem hohen Anteil von Fett und Zucker ein besonders großes Reizpotential als Verstärker, einige Wissenschaftler wollen sogar herausgefunden haben, dass Schokolade süchtig macht.

        So wurde in der Zeitschrift Nature (Tomaso, di E.; Beltramo, M; Piomelli, D. "Brain cannabinoids in chocolate", Nature 383(22.Aug), 1996) von der Isolierung gewisser Stoffe aus Schokolade berichtet, die im Verdacht stehen, ähnlich wie Cannabis die Psyche zu beeinflussen. Es handelt sich um Arachidonylethanolamid, ein sogenanntes Anandamid (es wurden inzwischen weitere Anandamide entdeckt). Chemisch handelt es sich bei Arachidonylethanolamid um ein Ethanolamid einer vierfach ungesaettigten Fettsaeure, der Arachidonsäure, die besonders häufig im zentralen Nervensystem vorkommt. Anandamide (von Sanskrit: ananda - Glückseligkeit) werden nun jene körpereigenen Verbindungen genannt, die die Fähigkeit besitzen, sich an Rezeptoren, mit denen auch der rauscherzeugende Marihuana-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol interagiert, zu binden. Sollte die sogenannte "Schokoladensucht" etwa eine verkappte Drogensucht sein?

        Interessanterweise unterscheidet sich, trotz der sehr ähnlichen pharmakologischen Profile, die chemische Struktur von Anandamid stark von der des THC. Unterschiede gibt es in der Pharmakokinetik beider Stoffe: Anandamid wird viel schneller abgebaut: nach ca. 30 min ist kein Effekt mehr zu messen, wohingegen THC nach Stunden noch wirksam sein kann.

        Die Analyse von Kakaopulver- und Schokoladenproben verschiedener Hersteller ergab jedoch nur einen sehr geringen Anandamid-Gehalt . Die Wissenschaftler stellten in ihrer Veröffentlichung daher gleich selbst in Frage, ob es bei den gefundene Anandamid-Konzentrationen überhaupt zu Auswirkungen kommen kann.

        Andere, mengenmäßig mehr ins Gewicht fallende psychoaktive Komponenten von Schokolade sind Koffein beziehungsweise Theobromin. Außerdem enthält Schokolade, wie zahlreiche andere Lebensmittel auch, Spuren biogener Amine, die den Blutdruck steigern und die Gehirnfunktionen sowie das psychische Befinden beeinflussen. Einer dieser Stoffe (2-Phenylethylamin ) soll gemütsaufhellend wirken. Als Stammsubstanz der Catecholamine und vieler Halluzinogene wird es mit dem Entstehen von Lust- und Glücksempfinden in Verbindung gebracht. Aber auch die Theorie, dass Schokolade aufgrund des Phenylethylamingehalts die Stimmung hebt und zu einer Abhängigkeit führen kann, ist umstritten. Schließlich enthalte auch Käse viel Phenylethylamin, und von einer Käsesucht habe man noch nie gehört.

        Die Menschen lieben Schokolade und das hat gute Gründe: Schokolade macht glücklich und hält fit, sagen die Wissenschaftler. Sie ist göttlich, köstlich, zart und begehrenswert, schwärmen die Genießer. Im 17. Jahrhundert nur in Apotheken zu haben und den Reichen vorbehalten, ist die Schokolade inzwischen vom Luxus- zum Massenartikel geworden. Ob die "Schokolade-Sucht" nun tatsächlich von den Anandamiden, vom Phenylethylamin oder einfach nur vom angenehmen Geschmack, dem Aroma und den Kohlenhydraten ausgelöst wird, wird noch zu klären sein. Genuss und Sucht sind oft eng miteinander verknüpft. Jeder von uns gönnt sich gerne einmal etwas, sei es als Belohnung, um auf andere Gedanken zu kommen, um den Alltag zu vergessen oder mit einem Problem besser fertig zu werden. Hat das Erfolg, so wiederholen wir es gern und immer wieder, bis wir uns daran gewöhnt haben, unangenehme Erlebnisse aller Art mit Hilfe von "Ersatzbefriedigungen" zu verdrängen. Bereits dies kann eine Form von süchtigem Verhalten sein. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Tasse Kaffee handelt, die wir brauchen, um wieder fit zu werden, die Tafel Schokolade, die Liebeskummer oder schlechte Laune erträglicher werden lässt oder das Glas Bier, das einen nach einem anstrengenden Arbeitstag angenehm müde macht. In allen Fällen genießen wir neben dem Geschmack auch die Wirkung.

        Von der Schokolade zum Heroin?

        From Chocolate to Morphine (Everything You Need to Know About Mind-Altering Drugs) ist der Buchtitel des bekannten U.S. Bestsellerautors Dr.Andrew Weil. Dieses Buch ist der Renner in den USA, Dr.Weils Website hat mehr als 1 Million Zugriffe pro Monat. Seine Thesen zum Thema Sucht rütteln auf:

        Sucht wird von vielen Menschen in erster Linie mit illegalen Drogen assoziiert und Suchtvorbeugung daher mit Drogenaufklärung gleichgesetzt. Information im Sinne von Wissensvermittlung im Bereich der Suchtmittel ist aber nur ein Baustein in einem komplexen Gefüge von einander bedingenden und beeinflussenden Faktoren.

        Quelle: Apotheker-Fortbildungstagung zum Thema "Sucht" im November 2001 in Salzburg und Wien.

        Wie gesund ist Schokolade?