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Tinkturenherstellung in der Apotheke
 
Die Apotheke ist nicht nur ein Logistikbetrieb, der über 5000 verschiedene Arzneimittel auf Lager hat, die von ApothekerInnen mit kompetenter, wissenschaftlich fundierter Beratung abgegeben werden. In Apotheken werden u.a. auch Tropfen und Tinkturen nach den Vorschriften des Arzneibuches hergestellt.
 
Der Gebrauch von Auszügen aus Arzneidrogen lässt sich bis in die ältesten Zeiten zurück verfolgen. Wässrige Auszüge wie wir sie heute als Teeaufguss bzw. als Infuse und Dekokte kennen, waren bei allen Kulturen bekannt. Auch Auszüge mit Wein, Ölen, Essig spielten in früheren Zeiten eine große Rolle. Alkoholische Auszüge wurden nachweislich erstmals im 13. Jahrhundert hergestellt und wurden vor allem von Paracelsus weiterentwickelt.

Woraus kann man Tinkturen machen?

Eine Tinktur (das Wort leitet sich ab von lat. tinctura, das Färben) ist ein Extrakt aus pflanzlichen oder tierischen Grundstoffen, der mit Alkohol (Äthanol, meist 70 %ig), aber auch Äther oder Mischungen (Spiritus aethereus = Ätherweingeist) oder auch anderen Lösungsmitteln hergestellt wurde.

Die Bereitung von Drogenauszügen erfolgt grundsätzlich nach zwei verschiedenen Verfahren: Die beiden verschiedenen Herstellungsverfahren heißen Mazeration und Perkolation. Beide Methoden haben verschiedene Abwandlungen erfahren.









Mazeration
Beim Mazerationsverfahren wird die Droge zerkleinert und anschließend
  • mit der vorgeschriebenen Menge an Extraktionsflüssigkeit übergossen
  • der Ansatz wird fünf Tage lang bei Raumtemperatur stehen gelassen (gelegentlich umschütteln!)
  • das Gefäß muss gut verschlossen und vor Sonnenlicht geschützt sein
  • anschließend wird koliert (durch ein Tuch filtriert)
  • falls erforderlich wird der Rückstand ausgepresst und die beiden erhaltenen Flüssigkeiten vereinigt
  • jetzt nochmals (5 Tage bei ca. 15 °) stehen lassen, damit Schwebstoffe ausfallen, und dann filtrieren.
Bei der Mazeration sind folgende zwei Prozesse zu unterscheiden: die Lösung der Zellinhaltstoffe in den offenen Randzellen und die Extraktion der Zellinhaltstoffe aus den inneren geschlossenen Zellen eines Drogenteilchens. Bei den offenen Zellen handelt es sich um einen einfachen Lösungsprozess, während bei den inneren geschlossenen Zellen das Lösungsmittel durch die gequollenen Zellwand in die Zelle eindringen muss und die gelösten Zellinhaltsstoffe durch Diffusion aus den Zellen herausdiffundieren. Diese Extraktion der Zellinhaltstoffe wird so lange vor sich gehen, bis sich im Extraktionsmittel innerhalb und außerhalb der Zellen ein Konzentrationsgleichgewicht eingestellt hat. Damit ist das Maximum der Extraktion erreicht und eine weitere Extraktion von Zellinhaltstoffen ist nicht mehr möglich.

Abbildungen: Herstellung einer Tinktur nach dem Mazerationsverfahren in der Apotheke (Foto ORF)

Die ganze Prozedur wird im kalten Zustand gemacht, ist kein Erhitzen nötig?
Es gibt spezielle Verfahren, bei denen das Lösungsmittel erwärmt wird. Das sind Verfahren, um die Extraktionszeit zu verkürzen. Die Digestion etwa ist eine Mazeration bei erhöhter Temperatur. Sehr nachteilig ist, dass empfindliche Inhaltsstoffe bei diesen höheren Extraktionstemperaturen zerstört werden können. Außerdem kann bei höheren Temperaturen eine zunehmende Extraktion von Ballaststoffen aus der Droge bewirkt werden, die nach dem Abkühlen zur Trübung führen kann.

Auch durch Bewegung des Mazerationsansatzes kann die Extraktionsdauer verkürzt werden. Die Bewegungs- oder Schüttelmazeration führt schon nach ca. 30 min zum Konzentrationsausgleich. Mit der Wirbel- oder Turboextraktion mit hochtourigen Mischgeräten (z. B. Ultra-Turrax-Extraktion) kann die Extraktionszeit auf 5 bis 10 min reduziert werden.

Perkolation
Bei keinem der Mazerationsverfahren kann eine erschöpfende Extraktion der Droge erreicht werden. Dies gelingt nur, wenn das Konzentrationsgefälle zwischen dem Zellinneren und der Extraktionsflüssigkeit permanent aufrechterhalten wird. Hierzu muss ständig frisches Extraktionsmittel zur Verfügung gestellt werden. Dieses erschöpfende Verfahren wird als Perkolation bezeichnet. Bei der Perkolation wird wie folgt verfahren:
  • Die Droge wird zerkleinert.
  • Sie wird mit Extraktionsflüssigkeit entsprechend 30% der Drogenmasse versetzt und gleichmäßig durchfeuchtet.
  • Der Ansatz bleibt mindestens 2 h lang bedeckt stehen (Vorquellung, damit der Perkolator nicht zerplatzt).
  • Der erhaltene Drogenbrei wird in den Perkolator gefüllt.
  • Anschließend wird die Oberfläche bedeckt (Filter oder Glasperlen).
  • Extraktionsflüssigkeit wird zugegeben, bis diese nachzutropfen beginnt.
  • Der Hahn wird verschlossen und 24 h stehen gelassen (Vormazeration).
  • Der Perkolationsprozess wird gestartet und die Tropfgeschwindigkeit eingestellt.
  • Die Perkolation ist beendet, wenn die vorgeschriebene Menge an Perkolat abgetropft ist.
  • Der Drogenrückstand wird abschließend abgepresst und die Pressflüssigkeit mit dem Perkolat vereinigt
  • Einige Tage stehen lassen, damit Schwebstoffe ausfallen
  • Die Tinktur wird zum Schluss filtriert und in das Standgefäß eingefüllt.
Zur Beschleunigung des Perkolationsprozesses kann mit Überdruck (Diakolation) oder Unterdruck (Evakolation) gearbeitet werden.

Ein gutes Beispiel für Perkolation ist die Filter-Kaffeemaschine, wo immer von oben frisches Lösungsmittel (in diesem Fall Wasser) nachtropft. Ein Kaffee-Perkolationsverfahren das mit Druck arbeitet findet in den modernen Espressomaschinen Anwendung.

Gibt es pharmazeutisch einen Unterschied zwischen Tinktur, Extrakt, Essenz oder Lösung?

Tinkturen stellen Lösungen im weitesten Sinne dar, d.h. molekulardisperse echte Lösungen und kolloiddisperse Lösungen, deren Phasen dem menschlichen Auge homogen erscheinen. In den meisten Fällen handelt es sich um labile Systeme, deren Homogenität durch Temperaturveränderungen, Lichteinwirkung und Alterungsprozesse sich ändert.

Hinweis:
Hühneraugen- oder Warzentinkturen sind keine Tinkturen im pharmazeutischen Sinn, sondern Lösungen (siehe unten).

Extrakte sind konzentrierte, gegebenenfalls auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt eingestellte Zubereitungen aus Drogen. Nach der Beschaffenheit werden unterschieden:
    • Trockenextrakte
    • Fluidextrakte
    • Zähflüssige Extrakte.

Trockenextrakte gewinnt man durch Verdampfen des Lösungsmittels unter vermindertem Druck. Industriell werden Trockenextrakte auch durch andere Verfahren (z.B. Sprühtrocknung) hergestellt.

Der Begriff Essenz kommt aus der in der Alchemie und bedeutet etwa das Gleiche wie Konzentrat (zum Beispiel Essigessenz). Der Begriff ist aber heute nicht mehr gebräuchlich.

Lösungen heißen in der Apotheke Solutiones, man versteht darunter das Auflösen eines Arzneistoffes. Dabei handelt es sich um „echte Lösungen“.


..Tinkturenherstellung in der Apotheke
TV-Apothekerin Mag.pharm.Barbara Haase in der Sendung Winterzeit am 17.2.2010 um 17:40 Uhr im ORF 2.
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