Hafer - nicht nur pharmazeutisch betrachtet
 
In der Volksheilkunde wird das Kraut auf vielfältige Weise eingesetzt
 
Hafer wird als Sommergetreide angebaut, die Ernte findet ab Mitte August statt. Avena sativa ist die wissenschaftliche Bezeichnung dieser Pflanze, die bereits in der Bronzezeit den Kelten und Germanen als Begleiter von anderen Getreidearten bekannt war. Hafer erwies sich als sehr klima- und standorttolerant und konnte sich so infolge Klimaverschlechterungen als Getreide durchsetzen. Seit über 2.000 Jahren wird er vorwiegend in den nördlichen Breiten kultiviert und war lange Zeit das Hauptnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung. Aus dieser Zeit stammt auch der Ausdruck "Habersack“ für einen (ärmlichen) Proviantbeutel. Erst mit dem um 1770 einsetzenden Kartoffelanbau verlor der Hafer als Grundnahrungsmittel an Bedeutung.

Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
    Botanischer Steckbrief

    Stammpflanze: Avena sativa L. (Hafer)
    Familie: Poaceae bzw. Gramineae (Süßgrasgewächse)
    Ordnung: Poales
    Klasse: Monocotyledoneae (Einkeimblättrige)
    Unterabteilung: Angiospermae (Bedecktsamer)
    Abteilung: Spermatophyta (Samenpflanzen)

    Synonyme: Oats herb, Green Oats (engl.). Herb d'avoine (franz.).
    Herkunft: Aus dem mitteleuropäischen Anbau. Der Hafer (der von Wildgräsern wie z.B. Avena fatua, A. sterilis, A. barbata abstammt) war ursprünglich eine sekundäre Kulturpflanze, die zunächst als unerwünschter Begleiter von anderen Getreidearten auftrat.


    In der Volksheilkunde wird das Kraut auf vielfältige Weise eingesetzt und sowohl Hildegard von Bingen als auch Pfarrer Kneipp schätzten die Feldfrucht.

Was macht den Hafer so wertvoll?
Ernährungsphysiologisch ist Hafer die hochwertigste Getreideart, die in Mitteleuropa angebaut wird. Ein Haferkorn besteht zu über 60 % aus Kohlenhydraten. Ballaststoffe und Proteine machen gemeinsam fast ein Drittel aus und der Fettanteil beträgt nur 5 %. Im Vergleich zu anderen Getreidearten ist der Gehalt an Eisen (39 mg/100 g Trockenmasse), an Mangan (8,5 mg) und an Zink (19,2 mg) recht hoch.
Der Anteil an Kalzium, Fluor und Magnesium ist ebenfalls beachtlich. Außerdem ist Hafer ein guter Vitaminlieferant. Er versorgt uns mit Vitamin A, B1, B2, B6 sowie mit Kiesel-, Fol- und Linolsäure. Da das Korn nicht geschält, sondern nur gespelzt wird, bleibt die äußere Kornschicht erhalten, in der sich besonders viele Vitamine befinden. (Die spindelförmigen Körner sind bei der Reife mit der kurzbegrannten Deckspelze und der Vorspelze fest verwachsen. Die Spelzen umgeben das eigentliche Korn und werden beim Dreschen entfernt.)

Ein altes Hausmittel: Haferschleim-Suppe bei Magen und Darmproblemen
Vor allem bei Kindern und alten Menschen wirkt Hafer aufbauend und kräftigend in der Rekonvaleszenz nach Krankheiten.
Aufbaukost bei akuten Magenbeschwerden, zur Unterstützung der ärztlichen Therapie: Essen Sie mehrmals einen Teller Haferschleimsuppe, Haferflockensuppe oder Reisschleimsuppe. Der Hafer- und der Reisschleim bilden auf der Darmschleimhaut eine schützende Schicht.
Zubereitung der Haferschleimsuppe: 3 EL Haferflocken mit etwas Salz in 1/2 Liter Wasser kalt aufstellen, erhitzen und unter Umrühren 1/4 Stunde kochen lassen.

Hafer hat auch positive Wirkung auf den Cholesterinspiegel
Die sogenannten ß-Glucane im Hafer gehören zu den löslichen Ballaststoffen (sie bilden in Kontakt mit Wasser eine gelartige Verbindung und werden von den Darmbakterien weitgehend abgebaut) und können den Cholesterinspiegel um etwa 5-10% senken. Der genaue Wirkmechanismus ist allerdings noch nicht hinreichend erforscht. Es wird vermutet, dass sie über Cholesterin- und Gallensäurebindung die Rückresorption dieser Stoffe vermindern und dadurch den Cholesterinspiegel absenken. Die Leber ist dadurch gezwungen, mehr Cholesterin als Ausgangssubstanz für die Bildung neuer Gallensäuren dem Blutkreislauf zu entziehen. Sie produzieren außerdem bei ihrem Abbau kurzkettige Fettsäuren, die in der Leber wahrscheinlich direkt die Cholesterinsynthese hemmen.

Bei welchen Beschwerden wird grüner Hafer oder Haferstroh verwendet?
In der Volksmedizin wird Tee aus grünem Haferkraut (ähnlich wie die aus frischen blühenden Pflanzen gewonnene homöopathische Urtinktur) bei nervöser Erschöpfung, Schlaflosigkeit und sog. "Nervenschwäche" als Sedativum genutzt. Eine wissenschaftlich begründete Zuordnung dieser Indikationen aufgrund eines der Inhaltsstoffe ist allerdings nicht möglich. Pflanzen wirken vor allem vielfältig und komplex. Einige Wirkungszusammenhänge sind bis heute noch nicht erforscht. Heilpflanzen enthalten ein Gemisch verschiedener Inhaltsstoffe, die Wirksamkeit ergibt sich durch das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten.

Aus Haferstroh (Stramentum Avenae) bereitete Bäder werden in der Volksheilkunde bei Gicht, Rheuma, Lähmungen, Lebererkrankungen und Hautleiden genutzt. Auch als Sedativum bei Hypertonikern sollen diese Bäder erfolgreich sein.

Wird Hafer auch in der Homöopathie eingesetzt?
In Form homöopathischer Urtinktur und Dilution: In der Homöopathie gibt es eine Hafertinktur. Sie wird eingesetzt bei Erschöpfung durch geistige Überarbeitung, bei Schlaflosigkeit und Appetitmangel.

Hafertinktur und Extrakt ist aber auch Bestandteil allopathischer Präparate, meist aus der Gruppe "pflanzliche Sedativa". Bislang hat das Herbal Medicinal Products Committee (HMPC) der Europäischen Zulassungsbehörde Zubereitungen aus fünf Pflanzen als traditionelle pflanzliche Arzneimittel zur Schlafunterstützung und Linderung milder Symptome von geistigem Stress anerkannt: Melissenblätter, Hopfenblüten, Passionsblume, Baldrianwurzel und Haferkraut (Grüner Hafer). In klinischen Studien fand man heraus, dass diese Phytosedativa keinen Hangover auslösen.

Hafertinktur zur Raucherentwöhnung
Eine besondere Anwendung dieser Tinktur stellt die Unterstützung bei der Nikotinentwöhnung dar. C.L. Anand berichtet in der renommierten Zeitschrift „Nature“ [Anand, C. L., Nature, Vol.233 October 15, (1971) Effect of Avena sativa on cigarette smoking] von einem Aufenthalt in Indien, der ihn mit der alten Ayurveda-Medizin bekannt machte. Abkochungen der gewöhnlichen Haferfrüchte (oats) wurden für Opium-Entziehungskuren gebraucht. So kam er auf den Gedanken, diese auch zur Nikotin-Entwöhnung anzuwenden. Er bereitete einen alkoholischen Extrakt aus der frischen Pflanze und gab diesen einer Gruppe von 26 starken Zigarettenrauchern. Eine gleich große Gruppe erhielt ein Placebo. Die Überlegenheit des Haferextraktes war deutlich und ließ sich statistisch einwandfrei sichern. Bei der Avenagruppe ging die Zahl der gerauchten Zigaretten erheblich zurück; dieser Entwöhnungseffekt hielt noch 2 Monate nach dem Absetzen der Medikation deutlich an (aus: Lehrbuch der Phytotherapie von Volker Fintelmann,Rudolf Fritz Weiss).
In neueren Studien konnte der seinerzeit propagierte Einsatz von Haferkrauttinktur bei Tabakabusus klinisch nicht bestätigt werden (aus: Teedrogen und Phytopharmaka, Ein Handbuch für die Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage. Hrsg. v. Max Wichtl).

Wenn die Pferde der Hafer sticht
In der Redewendung "Dich hat der Hafer gestochen" steckt, dass Pferde früher oft ungedroschenen Hafer zu fressen bekamen. Die Spelzen, die als unverdaulicher Ballaststoff wieder ausgeschieden wurden, peinigten bei der Stuhlentleerung so, dass die Pferde oft wie kopflos über die Koppeln jagten. Heute sagt man „den sticht der Hafer“ wenn jemand besonders übermütig ist.


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    In der Volksheilkunde wird der Hafer auf vielfältige Weise eingesetzt
    TV-Apothekerin Mag.pharm.Barbara Haase in der Sendung Sommerzeit am 25.8.2010 um 17:40 Uhr im ORF 2.
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