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Das Apothekenmuseum in Graz
 
Vom Theriak zur Vipernschnur
 



Links: Pastilli Hydrargyri bichlorati corrosivi (Sublimatpastillen) rechts: Solutio arsenicalis Fowleri




Dr. Mader in "seiner" Apotheke (alle Fotos: F. Biba)
Das Palais Khuenburg ist ein ehemaliges Grazer Stadtpalais in der Sackstraße 18. Aus der Geschichte dieses Gebäudes ist besonders erwähnenswert, dass Erzherzog Karl Ludwig von Österreich, der Bruder von Kaiser Franz Joseph, und seine Ehefrau Maria Annunziata von Neapel-Sizilien zwischen 1863 und 1866 im Palais Khuenburg wohnten. Am 18. Dezember 1863 wurde dort ihr Sohn, der österreichische Thronfolger, Kronprinz Franz Ferdinand von Österreich-Este, geboren, der am 28. Juni 1914 einem Attentat zum Opfer fiel. Seit 1972 findet das ehemalige Palais als GrazMuseum (ehem. Stadtmuseum Graz) Verwendung. Im Innenhof des Palais Khuenburg hat das GrazMuseum eine Besonderheit zu bieten – die außergewöhnliche Schausammlung des Apothekenmuseums, das 1977 mit der privaten pharmaziehistorischen Sammlung von Mag. Manfred Lang eröffnet wurde. Seither sind, nicht zuletzt dank der Bemühungen von Mag. pharm. Dr. Bernd Elmar Mader und mit Unterstützung der Apothekerkammer viele weitere Exponate und Leihgaben von Apotheken zum vorhandenen Bestand hinzugekommen. Der promovierte Volkskundler war viele Jahre in öffentlichen Apotheken in Graz tätig, dann Anstaltsapotheker, stellvertretender Leiter und aHPh (approved Hospital Pharmacist) im LKH-Univ. Klinikum Graz, Konsiliarapotheker für sechs steirische Landesspitäler, viele Jahre lang Mitglied des Vorstands der Österr. Apothekerkammer und in verschiedenen Arbeitsausschüssen tätig. Sein besonderes Interesse gilt aber schon seit vielen Jahren dem Apothekenmuseum des Grazer Stadtmuseums, wo er bereits 1989 anlässlich des Österreichischen Apothekerkammertages (14.-17. September) die vielbesuchte und beachtete Sonderausstellung vom 14. September - 8. Oktober zum Thema „Mörser – Waagen – Gewichte“ initiierte und betreute.

Die Offizin der Museumsapotheke wird von einer bemerkenswerten Biedermeiereinrichtung aus Kirschholz beherrscht, die von der "Mariahilf-Apotheke" in Feldbach stammt und von Apotheker König zur Verfügung gestellt wurde. In den Nebenräumlichkeiten befindet sich ein alter Infundierofen mit Trockenschrank, ein großer Eisenmörser sowie eine große Kräuterwaage und Gefäße aus der "Stiftsapotheke" in Admont. Weiters fallen ein Destillierapparat, eine alte Tablettenpresse, verschiedene Pillenbretter, Vorrichtungen zur magistralen Herstellung von Ampullen, Weichgelatinekapseln, Oblaten und Eibischteig unter den vielen sehenswerten Exponaten auf, die Einblicke in den Alltag einer Apotheke von einst gewähren.

Solutio arsenicalis Fowleri - Fowler'sche Lösung
Auf alle Schätze dieser pharmaziehistorischen Sammlung kann hier leider nicht näher eingegangen werden. Es würde den zur Verfügung stehenden Platz bei weitem sprengen, und trotzdem bliebe diese Aufzählung nur Stückwerk, solange man die einzelnen Exponate nicht auch durch „Geschichten aus der Geschichte“ – wie eben bei einer entsprechenden Führung durch das Museum - erlebbar machen kann. Vieles wurde konsequent zusammengetragen: Geräte und Maschinen, Waagen und Gewichte, Etiketten, alte Pharmazeutische Spezialitäten, Arzneimittel, Wundermittel, Rezepte, Apothekenschilder und Standgefäße.

Unter den Standgefäßen fällt dem geschulten Auge ein Venenum auf, das im 18. Jahrhundert in den Apotheken als Fowler'sche Lösung hergestellt wurde. Die Mischung aus Kaliumarsenit und Lavendelwasser galt lange als medizinisches Wundermittel. Als Liquor Kalii arsenicosi wurde sie vom Arzt und Apotheker Thomas Fowler 1786 als Mittel gegen Fieber und Kopfschmerzen propagiert und war – trotz erheblicher Toxizität – in den Arzneibüchern des 18. und 19. Jhdt. zu finden. Die giftigen Tropfen (letale Dosis 5 – 8 g) fanden sogar als Aphrodisiakum Anwendung.

Vom Theriak zur Vipernschnur
Wie Dr. Mader bei der Führung durch „sein“ Museum erzählt, war Theriak schon in der Antike bekannt, wobei man zwei Hauptrezepturen unterschied. Die eine Rezeptur geht auf Mithridates VI., im 2. Jahrhundert v.Chr. König von Pontos in Kleinasien, zurück. In diesem Theriak-Rezept finden sich 54 Zutaten wie Entenblut, Schlangen- und Krötenfleisch. Nach Mithridates wurde das Mittel, das der König selbst als Vorbeugung gegen Giftanschläge eingenommen haben soll, auch Mithridat oder Mithridatium genannt.

Die Zusammenstellung wurde später um Opium als weitere Zutat erweitert. Auch von Andromachos, dem Leibarzt von Kaiser Nero, ist ein Theriak überliefert. Dieser sogenannte Theriaca andromachi enthielt noch zahlreiche weitere Zutaten.

Vipern aus Venedig
Theriak bekam im Mittelalter, zur Zeit der Pestepidemien, den Ruf eines Allheil- und Wundermittels (Panacea = allmächtiges Heilmittel). Durch seine Handelsbeziehungen konnte Venedig die ausgefallenen Drogen für den Theriak beschaffen und hatte so mehrere Jahrhunderte lang fast ausschließlich ein Monopol für die Herstellung dieser Arznei. Die Zubereitung des Venezianischen Theriac wurde als öffentliche, mehrtägige Zeremonie begangen. Man ging auch daran, mit dem Vipernblut, das beim Schlachten der Schlangen sozusagen als Nebenprodukt gewonnen wurde, die "Venetianische Vipernschnur" (Cordoni Viperini, Otter-Schnürlein) herzustellen. Dabei wurden Seidenschnüre in Vipernblut getaucht. Später gab es auch Fälschungen, wo die Schnüre nicht in Blut, sondern in rote Farbe getaucht wurden. Die Schnüre fanden in allen Schichten der Bevölkerung in ganz Europa Anwender. Im Bedarfsfall wurde mit ihr ein kranker Körperteil umwunden oder die Schnur auf die entzündete Stelle gelegt. Das Grazer Apothekenmuseum besitzt davon ein Exemplar aus der Sammlung von Apotheker Manfred Lang (Grazer Hirschenapotheke).

Aus der Gebrauchs-Anweisung "Cordoni Viperini“ (Venetianische Vipernschnur):
„Dieses Schatzmittel, welches durch die glücklichen, erfolgreichen Heilungen von früher her als sehr wirksam in den bösartigsten Krankheiten bekannt war, wurde nun auch nach vielen gemachten Erfahrungen vorzüglich für die Kopfgicht, Gelbsucht im Gesicht, Rheumatismus, chronisches Halsleiden, hochrothen Rothlauf in den Gelenken und Geschwulsten, für Erwachsene und Kinder bei der gewöhnlichen und gefährlichen häutigen Bräune Wunder wirkend, und in allen Schmerzen, die von einer Lokal-Entzündung entstehen, von den ältesten Doctoren, Aerzten und Physikern angewendet. Diese vortrefflichen Schnüre werden um den Hals gebunden und an die leidende Stelle gelegt. Die Echtheit ist das Siegel von außen. Ein Stück 1 fl. 50 kr. Oest. Währ. – In Dutzend-Abnahme etwas billiger." [Bernd E. Mader in: Kunst des Heilens. Aus der Geschichte der Medizin und Pharmazie. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in der Kartause Gaming vom 4. Mai bis 27. Oktober 1991. Wissenschaftliche Ausstellungsleitung von Manfred Skopec. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 276. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1991. XVI, 893. 4°. Objekt-Nr.: 7.104, S. 405.]

Rothaarige wurden in Apotheken zu Tode gekitzelt
Kurz sei auch noch auf Schauergeschichten eingegangen, die Bernd Mader in seinen Publikationen beschrieb und den Museumsbesuchern gerne erzählt. Im Volke herrschte früher die Meinung, dass manche Apotheke das Recht habe, jährlich einen Menschen zur Gewinnung von "Asank" (ein Wundermittel) zu verarbeiten. Als eine der Apotheken mit dieser makabren Bewilligung hielt man die Apotheke der Barmherzigen Brüder in Graz (vielleicht weil sich unter der Apotheke die Prosektur des Spitals befand). Aber auch über die Pöllauer Apotheke, über eine Apotheke in Hartberg, im kärntnerischen Gmünd oder in Klagenfurt gibt es ähnliche Schauergeschichten. Meist waren es rothaarige Frauen, die man in die Apotheke lockte. Dort fielen sie durch eine Falltüre in einen Keller und wurden dort zu Tode gekitzelt. Aus ihrem Schaum vor dem Munde habe man "Asank" gemacht. In Pöllau musste nach Überlieferung des vor etwa 100 Jahren dort tätigen Apothekers einmal sogar die Gendarmerie und das Gericht diesen abergläubischen Verdächtigungen nachgehen. Und Ludwig Fischer erzählte immer wieder, dass Bauern sich nicht getrauten die Apotheke zu betreten, sondern von der Eingangstüre aus mit einem Körberl, das an einer langen Stange befestigt war, ihre Einkäufe tätigten. (Siehe: „Die Apothekerfamilie Fischer und ihr Erfolgspräparat“ von Mag. pharm. Dr. Bernd E. Mader unter http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Volksmedizin/)

TV Beitrag: Die "Alchimisten-Küche" im Apothekenmuseum in Graz