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Impfen schützt
 
Die Angst vor Nebenwirkungen ist historisch begründet
 
Die Überlebenden sahen aus, als habe "der Teufel Erbsen auf ihrem Gesicht gedroschen". So beschreibt der 1819 geborene Dichter Theodor Fontane das entstellte Äußere der von der Pockenkrankheit Gezeichneten. Wenige Jahrzehnte vor seiner Geburt hatte die Seuche noch heftig gewütet: Jahr für Jahr, schätzen Historiker, fielen der Plage im 18. Jahrhundert in Europa rund 400 000 Menschen zum Opfer. Wer das Glück hatte, die Krankheit zu überstehen, blieb ein Leben lang gezeichnet: Erblindung, Taubheit und Lähmungen zählten neben den tiefen, kraterförmigen Narben zu ihrer Hinterlassenschaft.


Heute sind die Pocken ausgerottet. Möglich wurde das durch eine Methode, die ein bis dahin unbedeutender Wundarzt aus Berkeley in der englischen Grafschaft Gloucestershire im Jahr 1796 in die wissenschaftliche Medizin einführte - die "Vakzination", auf deutsch Schutzimpfung. Dieser Arzt, der von Zeitgenossen zunächst als Scharlatan beschimpft wurde, heißt Edward Jenner.

Auch bei uns wurde die Impfung zunächst euphorisch angenommen, war doch die letzte große Pockenepidemie von 1800 noch in frischer Erinnerung. Aber schon bald gab es auch skeptische Stimmen. Wurde der menschliche Körper nicht durch die "Beymischung thierischer Säfte und thierischer Schärfen gleichsam degradirt", wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt? Andere Kritiker bezweifelten, dass Impfungen mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren seien. Schließlich werde damit eine Krankheit verhindert, die Gott über den Menschen als Strafe verhängt habe.

Es wird also klar, dass es primär die nebenwirkungsbehaftete Pockenimpfung war, die auf Kritik stieß. Dies wurde dadurch verstärkt, dass sie im letzten 1/4 des 19. Jahrhunderts als Pflichtimpfung eingeführt wurde, obgleich klar war, dass durch die Impfung selbst durchaus auch Schäden gesetzt werden konnten. Es wurde damals staatlicherseits zwischen der Erkrankungshäufigkeit und dem Impfrisiko abgewogen. Diese Entscheidung schien den Impfgegnern als zu gewagt bzw. zu risikobehaftet.

Welche Gesellschaftlichen Gruppen kritisieren heute Impfungen?

  • Eltern impfgeschädigter Kinder, die aus subjektiv verständlichen Gründen die vollständige Abschaffung der Impfungen fordern. Es gibt in den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Deutschland entsprechende Vereinigungen, die Kompensationszahlungen für erlittene Schäden erstreiten.
  • Skeptische Mediziner, die an der Wirksamkeit von Impfungen zweifeln oder Immunisierungen wegen des minimalen Risikos aufgrund der natürlichen Abnahme von Infektionskrankheiten für überflüssig halten.
  • Weltanschauliche Einstellungen wie etwa die Anthroposophie können ebenfalls zu einer Impfverweigerung führen. Im niedersächsischen Verden kam es zwischen Dezember 2001 und Februar 2002 etwa zu einer Masernepidemie, die 130 Fälle betraf und ebenfalls ihre Ursache in einem niedrigen Durchimpfungsgrad (86,8 Prozent für die erste Masernimpfung, aber nur 56,2 Prozent für die zweite Impfung) hatte. Die Infektionswelle trat in einem anthroposophischen Kindergarten beziehungsweise Schulkomplex auf.
  • Personen, die aus religiösen Gründen Impfungen ablehnen. Hier sind die Zeugen Jehovas ebenso wie einzelne buddhistische, moslemische (wenn angenommen wird, dass der Impfstoff von 'unreinen' Tieren gewonnen wurde) oder orthodoxe Hindugruppen (Jain) zu nennen. Weiters lehnen Church of Christian Science (Christliche Wissenschaft), Church of Christ in Christian Union (Kirche Christi in der christlichen Union), Church of God, Church of Human Life (Kirche humanistischer Lebenswissenschaften), Church of First Born (Kirche der Erstgeborenen), Church of the Lord of Jesus of the Apostholic Faith, Disciples of Christ (Jünger Christi), Divine Science Federation International, Dutch Reformed Church, Faith Assembly Impfungen ab. Auch Anhänger von Hare Krishna und Scientology zählt man zur religiös motivierten Impfgegnerszene. Daneben gibt es unter den Mormonen, den Old Amish People, der Gemeinschaft der Rosenkreuzer, den Sieben-Tage-Adventisten oder Anhänger der Hutter'schen Lehre starke Ablehnung gegen das Impfen.
  • Anhänger alternativmedizinischer Therapierichtungen, besonders häufig im Bereich der Homöopathie, die die empfohlenen Impfungen als Eingriff in die persönliche Freiheit und als Verletzung ihre fundamentalen Rechte der Verantwortung ihren Kindern gegenüber betrachten.
In der Realität dürften viele der Personen, die einer Impfung ihrer Kinder kritisch oder ängstlich gegenüberstehen, aus der alternativmedizinisch orientierten Bevölkerungsschicht kommen. Hier hat die Homöopathie einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung, denn sie ist mit weitem Abstand das am häufigsten verwendete alternativtherapeutische Verfahren.

Diese Ansicht bestätigte auch eine Umfrage unter britischen Eltern von 106 nicht geimpften Kindern aus dem Jahre 1995. Bei 68 Kindern wurde von den Eltern konkret angegeben, warum sie ihre Kinder nicht hatten impfen lassen wollen. Jedes dritte dieser 68 Kinder war nicht geimpft worden, weil die Eltern auf den Rat eines ärztlichen Homöopathen gehört hatten.

Warum gerade Homöopathen gegen Impfungen aussprechen, ist insofern brisant, da Hahnemann selbst durchaus die Kuhpockenimpfung in einem im Jahre 1825 geschriebenen Brief als insgesamt positiv bewertete: "Was haben die schändlichen Gegenschriften der Kuhpockenimpfung geschadet? Nichts, gar nichts! Sie haben mehr dazu gedient, ihre Vortrefflichkeit desto gründlicher zu untersuchen und einzusehen."

Hahnemann muss sich mit der Durchführung der Impfung und der Weiterimpfung der Kuhpocken von Arm zu Arm gut ausgekannt haben. Das Krankenjournal aus dem Jahre 1802 gibt die Krankengeschichte einer "Impfkrankheit", d.h. einer Reaktion auf eine kurz vorher stattgefundene Pockenimpfung, wieder, die Hahnemann detailliert beschrieb und dabei von der "enthaltenen Feuchtigkeit" als "die sicherste zum Impfen" berichtet.

Die kritische Haltung gegenüber dem Impfen entwickelte sich in der Homöopathie erst durch einen Schüler Hahnemanns, Constantin Hering (1800-1880), der die Homöopathie in den USA etablierte. Hering betonte, dass diese Impfung eine Vergiftung des Blutes sei und für Kinder einen großen Schaden bedeute. Clemens von Boenninghausen (1785-1864), ebenfalls ein Schüler Hahnemanns, äußerte sich bereits 1849 kritisch gegenüber der Kuhpockenimpfung als "die in leichtfertigen Händen so gefährliche, das Scrophelgift ohne allen Zweifel ungemein verbreitende Vakzine" . Boenninghausen sah im homöopathischen Arzneimittel Thuja occidentalis eine weitaus bessere Schutzmöglichkeit gegen die so gefürchteten "Blattern".

Dass nicht alle Homöopathen automatisch Impfgegner sind, bestätigte 1996 schon Sieglinde Schulz, die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte in der Ärzte-Zeitung vom 28.10.1996 . In der TV-Sendung "Schreinemakers Live" hatte sich der Homöopath Dr. Friedrich Schüssler gegen eine Impfung von Kindern ausgesprochen. Frau Schulz bestritt den von Frau Schreinemakers ausgerufenen "Religionskrieg" zwischen Homöopathen und Schulmedizinern.
Auch in England sprach sich die "Vereinigung der Britischen Homöopathischen Doktoren" (British homoeopathic doctor's organization), die den Lehrstuhl für Homöopathie an der Postgraduate Medical School and Centre for Complementary Health Studies in Exeter unterstützt, für das Impfen aus (Ernst und Whithe 1995). Sie distanzierte sich von Aussagen klassisch orientierter Homöopathen, die im British Homoeopathic Journal die Impfkampagnen als "kriminell unverantwortlich" (English 1992) oder "sehr unglücklich (...) und wenig bewiesen" (Fisher 1990).

Die Ausrottung der Pocken

Die kontroversen Diskussionen um den Sinn der Impfung mögen dazu beigetragen haben, dass es noch nahezu bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte, bis die Pokken zu einer seltenen Krankheit wurden. Der letzte Pockenpatient, der sich auf natürlichem Weg, also bei einem anderen Menschen, mit dem Virus infiziert hatte, war der Krankenhauskoch Ali Maolin aus der somalischen Stadt Merka. Er erkrankte am 26. Oktober 1977 an Blattern. Im Jahr 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Welt für pockenfrei. Die echten Pocken sind die bisher einzige Seuche, die als ausgerottet gilt. Ein einmaliger Triumphzug, der mit einem wagemutigen Versuch vor über zweihundert Jahren begann.

Man sollte also durchaus nicht die Augen vor den (wenngleich extrem seltenen) Nebenwirkungen bei Impfungen verschließen. Sie sind vorhanden und es wäre falsch, dies unerwähnt zu lassen, nur um einen Patienten in Unkenntnis zu lassen.

Aber angesichts der Todesrate bei unbehandelt bleibenden "Kinderkrankheiten", wie man sie noch vor der Impfära kannte, und den Folgeschäden überlebter Infektion, wie man sie aus mündlichen Berichten der älteren Generation jederzeit erfragen kann, wenn man noch Großeltern hat oder ältere Mitbürger befragt, relativiert sich das Impfrisiko. Impfungen sind sicherlich nicht vollständig nebenwirkungsfrei, die sind aber ebenso wenig Ursache für Zivilisationskrankheiten u.ä. Es kommt hier auf die verantwortungsbewusste, individuelle Abwägung des Impfrisikos und des Impfnutzens an.